Gott mehr gehorchen als den Menschen

Lothar de Maizière

Gott mehr gehorchen als den Menschen

Gedenkrede von Lothar de Maizière, ehem. Ministerpräsident der DDR, am 20. Juli 1995 in Strausberg

Meine sehr verehrten Damen, meine Herren,

das Jahr 1995, in dessen Mitte wir stehen, ist ein schwieriges, oder wie wir neudeutsch sagen, ambivalentes Jahr.

Gedenktag reiht sich an Gedenktag, und die Zahl 50 steht für schweres, schmerzhaftes Erinnern. Aber über 1995 steht auch die Zahl fünf. So werden wir am 3. Oktober den fünften Jahrestag der deutschen Einigung oder Wiedervereinigung erleben, mit der die Deutschen, von der Geschichte beschenkt, bisher nicht so sehr viel anfangen können.

Und auch der heutige Tag steht für mich mehr unter der fünf. Seit fünf Jahren können wir auch hier, im östlichen Teil Deutschlands, in der ehemaligen DDR, frei und vor allem vorurteilsfrei der Frauen und Männer des 20. Juli gedenken.

Die letzten Wochen und Monate, die Feierlichkeiten anlässlich des 50. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz und die Feierlichkeiten anlässlich des 8. Mai und die um diese Daten geführten öffentlichen Diskussionen machen uns deutlich, wie schwer wir Deutschen es mit unserer Geschichte haben oder wie schwer wir es uns mit ihr machen.

Das Aufeinanderprallen von Begriffen wie Zusammenbruch, Ende des Krieges, Befreiung oder Beginn von Vertreibung machen die Unsicherheit unseres Umgangs mit der Geschichte ebenso deutlich wie der Versuch, das Gedenken mit einer fußballfeldgroßen Grabplatte erzwingen zu wollen.

Für uns Ostdeutsche schien vor dem Fall der Mauer die Bundesrepublik ein klares Bild von der Geschichte des Nationalsozialismus zu haben. Der von Habermas initiierte Historikerstreit und die Rede von Altbundespräsident Richard von Weizsäcker vom 8. Mai 1985, in der er die Niederlage eben deutlich als Befreiung bezeichnete, schienen dies Bild zu rechtfertigen. Demgegenüber wussten wir um das Defizitäre des verordneten ostdeutschen Geschichtsbildes. Eines Geschichtsbildes, das die Aktiva der deutschen Geschichte der DDR als der Siegerin der Geschichte gutschrieb und die Passiva der Bundesrepublik zuwies, dies galt insbesondere für die Geschichte von 1933 bis 1945.

Die Behandlung der Geschichte des Nationalsozialismus und insbesondere des Widerstandes gegen ihn erfolgte in der DDR sehr selektiv und einseitig ideologisiert. Zunächst, in den Anfangsjahren der DDR, versuchte man die Frauen und Männer des 20. Juli völlig zu verschweigen und ließ nur kommunistischen, insbesondere den der in die Sowjetunion emigrierten Kommunisten gelten.

Später, als man wohl an den Persönlichkeiten des 20. Juli nicht mehr vorbeikam, wurden sie nicht als Patrioten dargestellt, sondern als Vertreter einer „preußisch-adligen Offizierskaste”, die den Untergang Deutschlands ahnten, einen sowjetisch-kommunistischen Sieg fürchteten und deshalb danach strebten, zu einem Separatfrieden mit den Westalliierten zu gelangen und um möglicherweise im Verein mit diesen sich erneut gegen die Sowjetunion zu wenden.

Man glaubte bei den Männern und Frauen des 20. Juli differenzieren zu müssen zwischen Reaktionären, für die der Name Carl Goerdeler stand, und den Progressiven. Hierunter nannte man den Namen Claus Graf Schenk von Stauffenberg, Helmuth von Moltke und die der Sozialdemokraten Julius Leber, Wilhelm Leuschner und Adolf Reichwein.

In einem 1968 erschienenen Lexikon heißt es zusammenfassend:

„Der Putsch vom 20. Juli 1944 mußte scheitern, weil der Gesamtcharakter der Verschwörung von den Kräften um Goerdeler geprägt wurde und nicht die Interessen des Volkes und das reale Kräfteverhältnis berücksichtigte.”

Ihnen wird aufgefallen sein, dass in dem kurzen Zitat von „Putsch” und „Verschwörung” die Rede ist, nicht aber von „Aufstand” und schon gar nicht von „Aufstand des Gewissens”.

Eine solche Bezeichnung hätte ja darauf hingewiesen, dass für die Frauen und Männer des 20. Juli der status confessionis gegeben war, d. h. dass sie an den Punkt gelangt waren, wo sie Gott mehr gehorchen mussten als den Menschen, insbesondere den Hitlern, Himmlern und Goebbels. Eine Bezeichnung, die den Ungehorsam zwingend macht, da Gehorsam Ehre nicht mehr bringen konnte.

Das Geschehen des 20. Juli „Aufstand des Gewissens” zu nennen, hätte wohl auch dazu führen können, dass mancher den oben genannten Namen Hitler, Himmler und Goebbels Namen wie Stalin, Ulbricht oder Honecker hätte folgen lassen.

Eine solche Betrachtungsweise war also nötig, um das Feindbild der „preußischen Adels-, Junker- und Offizierskaste” als Verderber der Weimarer Republik und Wegbereiter des Nationalsozialismus aufrechtzuerhalten.

Kurz, sie, die Männer und Frauen des 20. Juli, gehörten, wenn man ihnen denn auch den persönlichen Mut nicht absprechen wollte, zu einer historisch überlebten Klasse.

In den letzten zehn Jahren der DDR, als die immensen Widersprüche, insbesondere auf wirtschaftlichem Gebiet, immer größer und kaum mehr überbrückbar wurden, glaubte man, mit einer gewissen Preußenrenaissance eigenes geschichtliches Profil zu gewinnen. Man erkannte wohl andeutungsweise, dass ein geschichtsloses Volk auch ein gesichtsloses Volk ist.

Folge davon war, dass Christian Daniel Rauchs Friedrich II., nachdem er sich Jahrzehnte im Park von Sanssouci verstecken musste, wieder Unter den Linden reiten durfte, dass Filme vierteilig Sachsens Glanz und Preußens Gloria verherrlichten.

Folge davon war aber auch, dass man preußische Sekundärtugenden wie Pflicht und Gehorsam, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun, beschwor und gleichzeitig den Menschen Preußens Primärtugenden wie die Toleranz gegenüber Andersdenkenden vorenthielt.

Dass diese Rückbesinnung aus rein opportunistischen Gründen erfolgte und nicht der Versachlichung des Geschichtsbildes dienen sollte, musste ich 1986/1987 selbst erfahren.

Unweit des Oranienburger Tors, in der Chausseestraße, einen Steinwurf weit von meinem Büro entfernt, befindet sich neben dem Friedhof der Französisch Reformierten Gemeinde, auf dem meine Eltern liegen, der Dorotheenstädtische Friedhof. Auf ihm finden Sie die Grabdenkmale von Hegel und Fichte, aber auch von Heinrich Mann, Bertolt Brecht, von Schinkel und dem bereits erwähnten Christian Daniel Rauch. Kurz, es ist ein Friedhof, auf dem Sie deutsche Kultur und Geistesgeschichte studieren können.

So nimmt es auch nicht Wunder, dass hinten, nahe dem der Humboldt-Universität gehörenden Grundstück, auf dem Otto Hahn und Lise Meitner die erste Kernspaltung gelang, unter einem aus einfachen T-Trägern geschweißten Kreuz eine Grabplatte zu finden ist, auf der die Namen Hans John, Hans Ludwig Sierks, Carl Adolf Marks, Wilhelm zur Nieden, Richard Kuenzer, Friedrich Justus Perels, Rüdiger Schleicher und Klaus Bonhoeffer eingemeißelt sind. Auf dieser Platte wird auch auf den an anderer Stelle beerdigten Theologen Dietrich Bonhoeffer hingewiesen. Dietrich Bonhoeffer, dessen Theologie von der Königsherrschaft Jesu Christi sowohl über die Dinge im Himmel als auch auf Erden uns in der Kirche Aktiven immer die Legitimation gab, uns in die irdischen Dinge in der DDR einzumischen. Eine Legitimation, die uns der Staat absprechen wollte, ein Staat, der uns immer wieder allein auf das Jenseitige und Himmlische verweisen wollte.

1987 wollten die Machthaber der DDR den 750. Geburtstag Berlins als „Hauptstadt der DDR”, wie sich Berlin nannte, feiern. Dazu wollte auch die Justiz beitragen, indem sie in der Eingangshalle des Stadtgerichts eine Ausstellung über 750 Jahre Rechtsprechung in Berlin erstellen wollte. Über die Justiz der Epoche vom 1933-1945 gibt es viel Rühmliches nicht zu berichten. Der tapfere Köpenicker Richter Kreyssig, der sich geweigert hatte, Euthansieurteile zu fällen und deshalb nach dem Ausscheiden aus dem Justizdienst an der Kirchlichen Hochschule der Bekennenden Kirche Theologe geworden war, war für die Ausstellung auch nicht brauchbar, da er, nachdem er der ersten deutschen Diktatur als Jurist widerstanden hatte, in der zweiten deutschen Diktatur als Superintendent des Kirchenkreises Berlin Oberspree höchst unbequem gewesen war. In dieser Not an tapferen Juristen entschloss man sich, in der Ausstellung breit über eine Gruppe von Rechtsanwälten, die „Anwälte der Roten Hilfe”, unter ihnen Hans Litten, zu berichten, d. h. über Anwälte zu berichten, die es in der Anfangszeit des Nationalsozialismus wagten, Sozialdemokraten und insbesondere Kommunisten zu verteidigen.

Mein Hinweis bei einem Gespräch unter Kollegen auf Klaus Bonhoeffer, der als Berliner Anwalt zu den Männern des 20. Juli gehörte und, von Freisler zum Tode verurteilt, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof ruht, führte dazu, dass ich gebeten wurde, einen Artikel über ihn für diese Ausstellung zu schreiben. Aber alle meine Bemühungen, mir Quellen dafür zu erschließen, schlugen fehl. Ein Reiseantrag, um die in Düsseldorf noch lebende Ehefrau befragen zu können, wurde abgelehnt mit der Begründung, dass dies kein legitimer Reisegrund sei. Deutlicher noch wurde ich in die Schranken verwiesen, als mir zur Ablehnung meines Antrages im Staatsarchiv in die Volksgerichtshofsakte einzusehen, mitgeteilt wurde, dass ich nicht zum Kreise derer gehöre, die berechtigt seien, in diese Akten einzusehen und im Übrigen sei mein Thema kein erwünschtes Forschungsthema.

Nun, ich gestehe es, ich gehörte nicht zu denen, die gegen solche Unbill heldenhaft aufbegehrten, sondern zu denen, die sich mit solchen Zurückweisungen abfanden.

Ich habe Ihnen diese Geschichte aber erzählt, um Ihnen deutlich zu machen, wie das historische Bild der Frauen und Männer des 20. Juli im „Fünfneuland” noch von den Fehldarstellungen oder Auslassungen in den einzelnen Etappen der DDR überlagert ist und dringend der Objektivierung bedarf. Dies ist eine große Aufgabe für Schulen und Universitäten, aber ich hoffe, dass Veranstaltungen wie die heutige ein wenig dazu beitragen.

Wer, wie wir es uns 1990 vorgenommen haben, die Passiva deutscher Geschichte gegen sich gelten lassen will, darf aber auch dankbar dafür sein, dass in der schwärzesten Stunde deutscher Geschichte die Männer und Frauen des 20. Juli bereit waren, unter Einsatz ihres Lebens für die Grundlagen des christlichen Abendlandes für Recht und Wahrheit, die das Naziregime längst verlassen hatte, einzustehen.

Nicht ohne Grund ziert die Grabplatte auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof ein Spruch aus der Bergpredigt:

„Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn das Himmelreich ist ihr”. (Matthäus 5, Vers 10).


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